L E S E P R O B E

Prolog

Die Katastrophe traf die Tibeter unvorbereitet, obwohl die Orakelpriester düstere Vorzeichen gesehen hatten. Doch als die chinesischen Truppen in ihre Heimat einfielen, stellte sich ihnen niemand entgegen. Erst als deren Herrschaft immer brutaler wurde, setzten sich die Tibeter zur Wehr. Vor allem die Khampa im Osten Tibets waren es nicht gewohnt, sich Fremden zu beugen. Sie gründeten eine Guerillabewegung, die zu einem ernsten Gegner für die Chinesen wurde und die Flucht des Dalai Lama aus Tibet 1959 ermöglichte.

Danach jedoch verlegte Chinas Führer Mao Zedong so viele Truppen nach Tibet, dass die tibetischen Guerillas ihr Operationsgebiet nach Mustang im Norden von Nepal verlegen mussten. Mit Unterstützung der CIA griffen sie von dort aus immer wieder chinesische Militärkonvois und Stützpunkte an. Doch die Tibeter wollten den Besatzern nicht nur Nadelstiche versetzen; sie wollten sie mit einem Überraschungsangriff aus dem Land vertreiben.
Eine wichtige Rolle fiel dabei Lhondrup Gompo zu. Er stammte aus dem Grenzgebiet von Mustang. In seiner Kindheit war es für ihn das Selbstverständlichste auf der Welt gewesen, die Grenze in beide Richtungen zu überschreiten, ja er hatte noch nicht einmal gewusst, dass es etwas gab, das zwei Staaten voneinander trennte. In der Natur sah man nichts davon und so wie die Vögel oder die Würmer hatten sich auch die Menschen nicht darum geschert. Lhondrup Gompo kannte dort jeden Übergang, nicht nur die Pässe, die gemeinhin von der Bevölkerung benutzt wurden.

Als junger Mann hatte Lhondrup sein Dorf verlassen, um Mönch in einem der großen Klöster von Zentral-Tibet zu werden. Jetzt kehrte er als Krieger zurück und erinnerte sich mit klopfendem Herzen noch an eine andere Verbindung: In seinem Dorf lebte Padma, ein Mädchen, mit dem er als Kind gemeinsam durch die Gegend gestreift war. Padma hatte keinem der Jungen nachgestanden, wenn sie durch Flüsse gewatet und auf Bäume geklettert waren. Selbst bei Prügeleien hatte sie sich nicht zurück gehalten. Als Lhondrups Eltern voller Stolz verkündet hatten, dass ihr Junge in das berühmte Kloster Sera aufgenommen worden war, hatten ihn alle bewundert; nur Padma war weinend davongelaufen. Seitdem hatte er sie nicht wiedergesehen; auch zu seinem Abschied war sie nicht erschienen.
Seit Lhondrup sein Mönchsgelübde zurückgegeben hatte, war ihm Padma immer wieder in den Sinn gekommen. Doch wenn er in leiser Wehmut an seine Jugendfreundin dachte, schalt er sich einen Narren. ‚Natürlich ist sie längst verheiratet und hat viele Kinder, wie es sich für eine Frau gehört'. Dennoch empfand er ein ungewöhnliches, kribbelndes Gefühl, wenn er daran dachte, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in Padmas Nähe zu sein. Das Gefühl verunsicherte den tapferen Kämpfer mehr als alles andere, was ihm bisher im Leben begegnet war.

Noch am Abend seiner Rückkehr erschien Padma im Haus von Lhondrups Eltern, gekleidet in ihrer besten Chuba. Es war ihr egal, dass dort auch Lhondrups Bruder Tsarong zugegen war, der ihr jahrelang den Hof gemacht hatte; ohne Erfolg.

Sie brauchten keine Worte, um zu spüren, wie sehr sie sich schon immer geliebt hatten und dass in all den Jahren nichts von ihrer alten Vertrautheit verloren gegangen war. Voller Bewunderung hing Padma an seinen Lippen, als er von den Kämpfen erzählte oder von seiner Begegnung mit dem Dalai Lama. Und wie schwierig auch die Umstände sein mochten, ihr Herz hüpfte vor Freude, als sie erfuhr, dass der Mann, der ihr nie aus dem Kopf und dem Herz gegangen war, nur wenige Kilometer südlich in Mustang ein Lager der Widerstandskämpfer befehligte.

Jeder, der die beiden erlebte, wusste nun, warum Padma alle Freier abgewiesen hatte. Selbst Tsarong schien den beiden ihr Glück zu gönnen, er strahlte, als sei er selbst von Golma erhört worden. Die jedoch traute ihm nicht. Tsarong war nicht wie sein Bruder; Selbstlosigkeit lag ihm fern. Sie nahm sich vor, auf der Hut zu sein.

Mehr als eine Nacht konnte Lhondrup nicht in seinem Dorf verbringen, doch er versprach Padma und seinen Eltern, so bald wie möglich zurückzukehren. Er wäre nicht der einzige Kämpfer mit einer Frau. Bei ihrer Hochzeit waren zahlreiche Kämpfer und Kommandanten zugegen. Kurze Zeit später wurde Padma schwanger.

Lhondrup war gerade mit einem Kommando unterwegs, als ihr erster Sohn Thinley geboren wurde. Mit der Unterstützung und Erfahrung ihrer eigenen Mutter hatte Padma eine Entbindung ohne Komplikationen, und sie konnte es nicht erwarten, ihrem Mann den Nachwuchs zu präsentieren.

Doch für Privatleben war in Mustang keine Zeit. Der entscheidende Schlag stand bevor, der die chinesische Herrschaft in ihren Grundfesten erschüttern würde. So rief Wangdu, der Oberbefehlshaber, seine Kommandeure und erfahrene Kämpfer zusammen, um ihnen seine Pläne zu unterbreiten: "Nahe der Straße auf dem Weg nach Chhikhum befindet sich die größte chinesische Garnison. Sie muss das erste Ziel unserer Aktion sein. Ich suche zweihundert Kämpfer für den Überfall auf die Garnison aus, damit werden wir Erfolg haben. Sie werden sich nachts über einen geheimen Pass an die Garnison heranpirschen und bevor der Feind überhaupt merkt was geschieht, ist er besiegt. Mit den erbeuteten Waffen werden wir zügig weitere Gebiete bis zum Yarlung erobern und dabei auch die Straße nach Kashgar besetzen. Dann ist eine ihrer wichtigsten Versorgungsrouten blockiert, und der Feind in Lhasa wird feststellen, dass seine Zeit abläuft."

Als Termin für den großen Angriff wurde der nächste Neumond festgelegt, wenn die Nacht am dunkelsten war. Außerdem berichteten Späher, dass ein hoher General der Volksbefreiungsarmee auf Inspektionsreise in der Garnison Halt gemacht hatte.

Wangdu ernannte Lhondrup zum Befehlshaber der Operation, weil er die beste Ortskenntnis hatte; er selbst wollte die Truppen anführen, die auf die Nachricht von den Kurieren warten und dann rasch das Gelände bis zum Yarlung erobern sollten.

Drei Tage vor dem Aufbruch begab sich Lhondrup noch einmal in sein Heimatdorf zu seiner Frau und seinem Sohn. Wangdu sah das zwar nicht gern, doch Lhondrup konnte ihn überreden. Bevor der entscheidende große Kampf begann, wollte er seine kleine Familie über die Grenze nach Mustang in Sicherheit bringen. Im Krieg konnte man die Ereignisse nie genau planen.
Die Spannung unter den zweihundert Elitekämpfern stieg mit jedem Tag. Schließlich war der letzte Abend angebrochen und Unsicherheit machte sich breit. Lhondrup war noch nicht wieder aufgetaucht. Der vereinbarte Termin seiner Rückkehr war längst überschritten, und wenn er nicht bald kommen würde, musste die Operation entweder verschoben werden oder ohne ihn stattfinden. Niemand sagte etwas gegen den erfahrenen Kämpfer, aber Misstrauen breitete sich aus. War ihm etwas zugestoßen? Oder zog er womöglich das private Glück dem Freiheitskampf vor?

Als die Zeit unerbittlich fortschritt, bedrängten die Kämpfer ihren Kommandeur: "Wir werden unsere Operation nicht von einem einzelnen Mann abhängig machen. Wir werden auch ohne ihn einen großen Sieg davontragen". Wangdu jedoch zögerte. "Irgendetwas stimmt nicht bei der Sache. Ich bin unsicher, ob wir aufbrechen sollen".

Die Khampa akzeptierten und bewunderten ihn, aber sie lebten nie in so hierarchischen Strukturen wie andere Kampfverbände; dazu war jeder einzelne zu stolz. Dem musste Wangdu Rechnung tragen; also gab er schweren Herzens das Kommando zum Aufbruch. Kämpfer für Kämpfer schritt an ihm vorbei, und er sah nirgendwo Zweifel in ihren Augen. Nur mit Mühe verscheuchte er den düsteren Gedanken daran, dass es ein Abschied für immer sein könnte.

Problemlos erreichten die Krieger den geheimen Pass. Im Gänsemarsch schritten sie im Dunkeln hinauf. Von der anderen Seiten waren es noch zwei Stunden bis zur Garnison. Nach Überschreiten der Grenze auf der Passhöhe verstummte wie auf ein geheimes Kommando hin jedes Gespräch.
Plötzlich peitschten Schüsse durch die Nacht. Chinesische Truppen nahmen die Tibeter unter Feuer. Sie mussten von dem Plan erfahren haben und hatten sie erwartet. Verzweifelt suchten die Angegriffenen nach Deckung, doch es gab keine. Der Weg war von Felsen gesäumt, auf denen die chinesischen Schützen Stellung bezogen hatten. Egal in welche Richtung sie flüchteten, immer wurden sie von neuem Feuer empfangen. Es waren die Tibeter, die vernichtend geschlagen wurden.

Nur die versprengte Nachhut konnte sich retten und brachte die furchtbare Nachricht ins Lager von Wangdu. Verzweiflung machte sich breit. Wer konnte sie verraten haben? Niemand, an dessen Loyalität auch nur die geringsten Zweifel bestanden, war eingeweiht worden, auch kein tibetischer Vertrauensmann jenseits der Grenze, da immer die Gefahr bestand, dass dessen verbotenes Tun auffliegen und die chinesische Folter auch die letzte geheime Information aus ihm herauspressen würde.

Gleichzeitig waren Lhondrup und Padma verschwunden. Bald darauf verbreitete sich das Gerücht, sie seien zu den Chinesen übergelaufen, hätten die Pläne verraten und führten in China ein luxuriöses Leben. Als seine alten Vertrauten das hörten, waren sie empört, doch die Gerüchte hielten sich hartnäckig; zumal beide für immer verschwunden blieben. Nur ihr Sohn Thinley war von einem der Kämpfer aufgefunden und in das Lager gebracht worden. Man hatte ihn offenbar für tot gehalten, doch der Kleine war außergewöhnlich zäh. Er wurde schließlich nach Kathmandu in ein Waisenhaus gegeben, doch war er noch zu klein, um irgendetwas von dem erzählen zu können, was vorgefallen war.