L ES E P R O B E

Während Gyaltsen Norbu in einem goldenen Gefängnis lebte, befand sich der gleichaltrige Gendun Choekyi Nyima in einem richtigen Gefangenenlager. Der Junge, in dem die Tibeter den wahren Panchen Lama sahen, war der am strengsten bewachte und abgeschirmte Gefangene in China.

Seit dem Besuch der Mönche aus Tashi Lhunpo war sich Gendun Choekyi Nyima bewusst, dass er nach einer traditionellen Ausbildung ein bedeutendes Amt übernehmen würde. Sein Schmerz war unermesslich, dass es ihm versagt wurde, die Inkarnation eines hohen Geistlichen in der buddhistischen Tradition anzutreten. Die Sehnsucht danach schmerzte ihn noch mehr als die sonstigen Lebensumstände, um die es auch gleichwohl nicht gut stand.

Der Panchen Lama war in das Militärlager 45 nördlich von Beijing gebracht worden, aber vor dem Schlimmsten hatten die Behörden ihn bewahrt. Seine Eltern durften bei ihm sein, wenn auch unter strengen Auflagen. "Es ist euch nicht erlaubt, mit dem Jungen tibetisch zu sprechen; es ist euch nicht erlaubt, ihm die tibetische Schrift beizubringen oder sonstigen Unterricht auf Tibetisch zu erteilen; es ist euch erst recht nicht erlaubt, den Jungen in der buddhistischen Lehre zu unterweisen oder ihm gar etwas von seiner angeblichen Inkarnation zu berichten", befahl ihnen gleich bei der Einweisung der militärische Oberbefehlshaber, der eigens mit seinen beiden Stellvertretern gekommen war, um zu unterstreichen, wie ernst es der Partei war. Und er fügte drohend hinzu: "Solltet ihr euch dieser Anweisung von höchster Stelle widersetzen, werden ernsthafte Konsequenzen unvermeidlich sein. Die Partei erlaubt keinen Ungehorsam." Dann wurde er verbindlicher: "Außerdem geschieht dies alles nur zu euerm Schutz. Die Partei hat herausgefunden, dass reaktionäre Elemente den Jungen entführen wollten. Wer weiß, was dann mit ihm geschehen wäre. Um das zu verhindern, haben wir ihn an diesen sicheren Ort gebracht". Keiner der Gefangenen nahm derartige Phrasen ernst.

Schon nach wenigen Wochen war Dechen Chödön mit ihren Nerven am Ende. Die starke Frau, die in den wenigen Jahren der Normalität mit schier unerschöpflicher Energie ihrer Verantwortung als Ärztin, Mutter und Hausfrau nachgekommen war, konnte sich mit einem Leben umgeben von hohen Elektrozäunen, Wachttürmen und schwer bewaffneten Soldaten nicht abfinden. Häufig sank sie abends, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, weinend in die Arme ihres Mannes, den sie früher noch mit ihrer Kraft unterstützt hatte.

"Wir werden die Vorschriften nicht akzeptieren", flüsterte ihr Könscho Phüntsog zu. "Unser Junge ist der rechtmäßige Panchen Lama, das hat der Dalai Lama bestätigt. Das ist eine große Ehre für uns und gleichzeitig eine Verpflichtung, ihn so gut wir das können, heimlich auf seine Rolle vorzubereiten. Er ist noch so jung, wer weiß, wie sich die Lage entwickelt. Mit Hilfe der Götter wird die Wahrheit eines Tages siegen, und dann muss unser Junge auf sein Amt vorbereitet sein. Alle Tibeter setzen ihre Hoffnung darauf, wir dürfen sie nicht enttäuschen." Mit ihrem verweinten Gesicht drückte sich Dechen Chödön noch näher an ihren Mann. "Wenn das nur gut geht", hauchte sie kaum hörbar. "Es geht gut", flüsterte er zurück und schaute dabei so selbstbewusst und souverän, dass sie zum ersten Mal seit ihrer Verhaftung ein wenig Zuversicht verspürte.

Ein halbes Dutzend Soldaten waren zur Bewachung der kleinen Familie abkommandiert worden. Die meisten waren junge Burschen vom Lande, unerfahren und ungebildet in politischen Angelegenheiten und damit hilflose Opfer der Parteipropaganda, die ihnen eingetrichtert hatte, dass es sich bei den drei Inhaftierten um besonders gefährliche Separatisten handelte. Niemand fragte, wie ein halbwüchsiger Junge bereits ein Separatist sein konnte.

Nur einer war anders, der Soldat Wang Lei Min. Er diente seit 15 Jahren in der Volksbefreiungsarmee und war in seinem Herzen zutiefst unzufrieden mit seiner Aufgabe. Immer wieder wurde er Zeuge, wie sich seine Vorgesetzten ihren Sold um ein Mehrfaches erhöhten, indem sie Familien von Gefangenen, die noch weniger besaßen, erpressten und bedrohten. Häufig verlangte sie Geld mit dem Versprechen, den inhaftierten Angehörigen kleine Hafterleichterungen oder bessere Lebensmittel zu beschaffen, doch niemand konnte überprüfen, ob das Geld tatsächlich in dem Sinne eingesetzt wurde oder gar sich zu beschweren, wenn der Verdacht von Unregelmäßigkeiten nahelag. Doch Wang Lei Min war klug genug, sich nichts von seinen Gefühlen anmerken zu lassen. Nach dem Grundsatz des Vorsitzenden Mao bewegte er sich unauffällig wie ein Fisch im Wasser.

Die Brutalität der Armee, der er diente, hatte er auf tragische Weise auch selbst erfahren. Sein jüngerer Bruder war als Student 1989 an den Demonstrationen auf dem Platz des himmlischen Friedens beteiligt gewesen. Nach dem Militäreinsatz hatte die Familie nie wieder etwas von ihm gehört. Anfangs hoffte sie noch, er sei lediglich in Haft, denn eine offizielle Nachricht über seinen Tod gab es nicht. Wenn, immer sich die Eltern jedoch nach seinem Verbleib erkundigten, erhielten sie entweder keine Reaktion oder die stereotype Antwort, es gäbe keinerlei Erkenntnisse über ihn. Die Zeit zwischen Hoffen und Bangen setzten der Familie mehr zu als es jede konkrete Information - und wäre sie noch so tragisch gewesen - jemals vermocht hätte. Nach Jahren des Wartens gab die Familie die Hoffnung auf, ihren Jüngsten lebend wiederzusehen. Wang Lei Min traf der Verlust besonders, denn beide waren sich von klein auf sehr nahe gewesen. Noch immer konnte der Soldat den Verlust nicht überwinden.

Zur Tragik der Familie gehörte auch, dass der Vater in seiner Jugend den berüchtigten Roten Garden angehört hatte und in Tibet zum Einsatz gekommen war. Nach langem Schweigens hatte er seine Erfahrungen irgendwann nicht länger für sich behalten können und seinen Söhnen über Gräueltaten seiner Einheit in Tibet berichtet. Kaum einem Chinesen war Näheres darüber bekannt. In der chinesischen Geschichtsschreibung wurde die Epoche der Roten Garden als "Verfehlung linksradikaler Elemente" abgetan, unter denen das gesamte Mutterland gelitten habe.

Wang Lei Min unterschied sich vordergründig nicht von den sonstigen Bewachern. Wann immer er gemeinsam mit den anderen den drei Gefangenen begegnete, waren seine Befehle knapp und barsch. Auch hielt er sich an die Auflage, nur das Notwendigste mit den Inhaftierten zu besprechen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, permanent beobachtet zu werden. Zudem sollten die Bewacher unauffällig überprüfen, welche Fortschritte der Junge im Chinesischen machte. Die Partei wollte sich nicht nur auf die Lehrer verlassen, um sicherzugehen, dass die Eltern alle Vorgaben beachteten.

Wenn Wang alleine mit dem Panchen Lama oder seinen Eltern war, was hin und wieder vorkam, war sein Tonfall ein anderer. "Du musst unsere Sprache lernen, damit du es später zu etwas bringen und du deinen Weg gehen kannst", teilte er dem Jungen mit geradezu väterlicher Fürsorge mit. "Dabei kommt es nicht darauf an, in welcher Form dir die Sprache beigebracht wird. Bildung ist wichtig in einem Land wie dem unseren. Wir befinden uns in einem großen Umbruch und wer weiß, was alles noch geschehen wird. Also lerne, wann immer sich dir die Gelegenheit bietet."

So richtig verstand der Junge nicht, was sein Bewacher meinte, aber er wagte auch nicht, den Mann in Uniform näher darüber zu befragen. Kurze Zeit nach der Ermutigung tauchte der zweite Bewacher wieder auf, der eine wichtige Botschaft an das Ministerium der Einheitsfront abgesetzt hatte. Sofort schien Wang ein anderer Mensch zu sein, ein harter, strenger Soldat in einem besonderen Wachdienst und durch nichts von den anderen zu unterscheiden.

Es war nicht nötig, den Panchen Lama zum Lernen aufzufordern. Ungeachtet seiner Entführung und Isolation war er noch immer versessen darauf, sich zu bilden. Schließlich ließ er sich sogar auf die ungeliebte chinesische Sprache ein. Seine Lehrer benutzen Bücher, die mehrere Jahrzehnte alt waren. Die Geschichtsbücher schienen kein anderes Thema zu kennen als die Erfolge der glorreichen Volksbefreiungsarmee und die Heimtücke der Klassenfeinde. Auch Chinas historische Verbindung mit Tibet, die friedliche Befreiung von 1950 sowie das unmenschliche Feudalsystem der Dalai-Clique nahmen breiten Raum im Unterricht ein. Immer neue Texte informierten den Panchen Lama darüber, wie brutal es im alten Tibet vor der Befreiung zugegangen war, wie Leibeigene von den Feudalherren und den Äbten nach Belieben gedemütigt, geschlagen, verstümmelt und auf alle nur erdenklichen Arten getötet worden waren; wie die Überlebenden schließlich aufbegehrt und mit Unterstützung der Volksbefreiungsarmee den Sieg davon getragen hatten. Ebenso weit schweifend berichteten die Bücher davon, wie dankbar die ehemaligen Leibeigenen heute ihren Befreiern waren, wie glücklich sie sich schätzten, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hatten und die Ausbeuter unter der Führung der Dalai-Clique ins Ausland geflohen waren.

Zunächst bekam der Panchen Lama diese Informationen in Bildern vorgesetzt, dann in kleinen Geschichten und nach einem Jahr konnte er die Zeugnisse der Leibeigenen selbst lesen und wiedergeben.

Im Laufe des Unterrichts verstand er allmählich, was der Soldat Wang Lei Min mit seiner Bemerkung gemeint hatte, beim Erlernen der Sprache komme es nicht darauf an, in welcher Form sie vermittelt würde. Der Inhalt der Texte interessierte ihn nicht und er ignorierte ihn so weit er konnte. Die chinesische Sprache zu beherrschen, war indes gewiss von Nutzen.

Das, was wirklich wichtig war, brachten ihm seine Eltern bei. Nachdem sie den Eindruck gewonnen hatten, die Bewachung sei nicht mehr ganz so streng, da sie sich nichts zu Schulden kommen ließen, setzte sich der Vater eines Abends zu seinem Sohn ans Bett. "Junge, Du weißt, dass du in Tashi Lhunpo sein und dort ausgebildet werden solltest. Was du hier lernst, hat mit der Geschichte und dem Glauben unseres Volkes nichts zu tun. Dir fällt eine wichtige Rolle zu, diesen Glauben zu stärken, aber dafür benötigst du eine richtige Ausbildung. Wir werden ab Morgen damit beginnen, denn das ist meine Pflicht als Vater, auch wenn dies nicht der geeignete Ort für einen Jungen wie dich ist. Niemand darf davon erfahren, dafür sorgen deine Mutter und ich. Der Unterricht wird immer am Abend stattfinden, wenn die Bewacher nicht mehr direkt mit uns sind. Die Götter aber werden mit uns sei, und deshalb wird es gelingen."

Gendun Choekyi Nyima war überwältigt. Tränen schossen ihm in die Augen, doch er brachte kein Wort über die Lippen, obwohl sein Herz überfloss vor Dankbarkeit und Freude. Als der Vater sich nach einer Weile entfernen wollte, damit niemand in der Umgebung Verdacht schöpfte, hielt er ihn am Arm fest: "Bitte Vater, sag mir, warum sind wir überhaupt hier? Warum haben mich die Mönche von Tashi Lhunpo nicht gleich mit ins Kloster genommen, als sie uns besucht haben? Warum sind sie nicht zurückgekehrt, obwohl sie es fest versprochen hatten? Warum sind an ihrer Stelle Soldaten gekommen und wie lange müssen wir noch bleiben?"

Der Junge ereiferte sich immer lauter, so dass der Vater ihm zärtlich den Finger auf seinen Mund legte und seine Lippen verschloss. Es war das erste Mal, dass der Panchen Lama in der Gefangenschaft offen gegen sein Schicksal aufbegehrte, und es war offenkundig, wie intensiv er sich bereits damit beschäftigt hatte. "Vorsichtig, ganz vorsichtig", flüsterte der Vater. "Wenn wir mit der Ausbildung beginnen, musst du mit jedem deiner Worte noch viel vorsichtiger sein, und du musst bei deinen Lehrern noch fleißiger lernen als bisher. Einige deiner Fragen werden sich im Laufe der Zeit beantworten; auf manche weiß ich auch keine Antwort, und ich muss selbst Vermutungen anstellen. Ich kann dir jetzt sagen, dass die Mönche gern Wort gehalten hätten, doch die Partei hat es nicht erlaubt. Du bist der Panchen Lama, kurz bevor die Soldaten kamen, haben wir im Radio gehört, dass der Dalai Lama, unser geliebtes Oberhaupt, dich bestätigt hat, und das ist das Wichtigste. Aber die Partei mag den Dalai Lama nicht. Was genau geschehen ist, weiß auch ich nicht, aber immerhin sind wir bei dir. Mehr kann ich nicht sagen und nun muss ich gehen."

Zügig entfernte er sich. Die letzten Informationen konnten das tiefe Glücksgefühl nicht beeinträchtigen, das sich eingestellt hatte, als dem Jungen eine wirkliche Ausbildung in Aussicht gestellt worden war. Dass diese Ausbildng wenig mit dem zu tun hatten, was in Tashi Lhunpo auf ihn gewartet hätte, verschwieg der Vater. Er hoffte, mit seinen bescheidenen Möglichkeiten als Laie zumindest eine Grundlage zu schaffen, auf die ein Kloster später aufbauen konnte, wenn sich die Lage einmal grundlegend ändern sollte.

Da die Eltern von Beginn der Verbannung an abends immer mit ihrem Sohn zusammen waren, kümmerte sich niemand mehr darum, was in der Zeit geschah. Könscho Phüntsog übernahm den eigentlichen Unterricht, während seine Frau Dechen Chödön darauf achtete, ob sich jemand von den Aufsehern näherte. Die beiden hatten ein geheimes Warnzeichen vereinbart. Von ihrem Raum aus konnte sie den Innenhof gut überblicken, über den ein ungebetener Gast kommen musste. Der provisorische Unterricht fand in einem Raum ohne Fenster zum Hof im hinteren Teil der kleinen Wohnung statt. Im Falle von Gefahr würde Dechen Chödön den Fernseher in ihrem Zimmer anstellen, der weniger der Unterhaltung diente als der Propaganda. Er war so eingerichtet, dass nur staatliche und Armeesender empfangen werden konnte. Die Familie verzichtete deshalb zumeist auf diese Art der Ablenkung. Wenn sie aber den Fernseher laut anstellte, ohne sich dabei aus dem Zimmer zu bewegen, erweckte sie keinerlei Verdacht. Ihr Mann und ihr Sohn im Nebenzimmer hörten es und hatten genug Zeit, alle Spuren des Unterrichts zu beseitigen.

Zunächst lief alles nach Plan.

Könscho Phüntsog brachte seinem Sohn zunächst die tibetische Schrift bei, denn das war die Grundlage, auf der aller weitere Unterricht aufbaute. Die Sprache beherrschte sein Junge gut, obwohl sie angehalten waren, sich nur auf Chinesisch zu unterhalten.

Nach einigen Wochen begann Könscho Phüntsog mit den Grundlagen der buddhistischen Lehre, mit denen er selbst einigermaßen vertraut war. Aufgewachsen war er in einer Zeit, als jede religiöse Praxis wie ein Schwerverbrechen geahndet worden war, doch in der kurzen Epoche der Öffnung ein paar Jahre nach dem Tod des großen Steuermanns Mao hatten er häufig Unterweisungen in Klöstern beigewohnt. Dabei war er mit den Grundzügen der Lehre Buddhas vertraut gemacht worden.

Den staatlichen Lehrern fiel eine Veränderung bei dem Panchen Lama auf, der sie zunächst keine weitere Beachtung schenkten, doch im Laufe der Zeit machten sie sich ihre Gedanken darüber. Der Junge wirkte nicht mehr so reserviert und verschlossen, ja er ging geradezu fröhlich an seine Aufgaben heran, während sie zuvor häufig den Eindruck hatten, er sei mit seinen Gedanken ganz woanders. Gleichzeitig war der Junge ständig übermüdet, ja erschöpft, als würde er zu wenig Schlaf bekommen. Beides passte nicht zusammen, und da sich der Junge nicht änderte und auf Nachfragen keine befriedigende Antwort gab, entschlossen sie sich, seinen Bewachern ihre Beobachtung mitzuteilen. Vielleicht hatten sie eine Erklärung; zumindest sollten sie die Augen offen halten und noch aufmerksamer werden; schließlich hatte ihnen die Partei in einer wichtigen Angelegenheit eine große Verantwortung übertragen. Und die Partei durfte nicht enttäuscht werden.

Monate vergingen, und der Privatunterricht des Panchen Lama durch seinen Vater zeitigte große Erfolge. Er hatte die tibetische Schrift rasch erlernt und übte sich mit Begeisterung im Schreiben. Die kleinen Schriftrollen nahm die Mutter jede Nacht am Ende des Unterrichts an sich und verbrannte sie am nächsten Tag. Keinerlei Spuren durften zurückbleiben. Die Unterweisung in der Lehre Buddhas, die der Junge aufnahm wie ein ausgetrockneter Schwamm einen Strudel Wasser, geschahen ohne schriftliche Aufzeichnungen.

Eines kalten Wintertages saß Dechen Chödön wie immer im Dunkel des Raumes, achtsam den Blick auf den schwach erleuchteten Hof vor ihrer Tür richtend. Seit Beginn des Unterrichts hatte sie wenige Male bereits den Fernseher angestellt, weil sie glaubte, jemanden gesehen zu haben, doch es war falscher Alarm gewesen. Dennoch waren sich alle einig, dass es richtig war, lieber übertrieben vorsichtig zu sein als einen Moment der Unachtsamkeit zu riskieren. Sie fragte sich, wie lange dieser Zustand noch andauern würde. Während der abendlichen Unterrichtsstunden im Zimmer nebenan stand sie unter großer Spannung. Ihr Mann und ihr Sohn konzentrierten sich ganz auf die Unterweisungen, und sie vertrauten ihr bedingungslos, dass sie jede Gefahr rechtzeitig bemerken würde. Manchmal erwischte sie sich dabei, dass sie heimlich dachte, sie trüge die schwerere Bürde und sie würde gern die Rolle mit ihrem Mann tauschen, doch in ihrem Herzen wusste sie, dass es so gut war. Sie wusste noch weniger von der buddhistischen Lehre als ihr Mann, deshalb hätte sie ihrem Sohn kaum etwas darüber beibringen können.

In diese Gedanken hinein wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Bevor sie realisierte was geschah, war jemand beim Lichtschalter und der grelle Schein der einfachen Glühbirnen blendete sie. In dem Moment wurde ihr die Gefahr bewusst. Sie musste die ungebetenen Gäste für einige Minuten aufhalten. Also sprang sie auf, um den Fernseher einzuschalten, doch sie kam nicht weit. Grobe Hände drückten sie auf ihren Stuhl zurück; niemand sagte ein Wort. Ein Mann war mit raschen Schritten bei der Tür zum Unterrichtszimmer. Es war zu spät. Drei der Wächter, darunter Wang, waren durch einen Hinterhof, von dem die Familie nichts wusste, zu ihrem Haus gekommen. Sie hatten dabei nicht den Hof überquert.

Es hatte keinen Sinn, irgendetwas zu leugnen. Gendun Choekyi Nyima schrieb gerade einen tibetischen Text und die Buchstaben waren so sauber, dass sie nur von jemandem stammen konnten, der mit dem Tibetischen in Wort und Schrift gut vertraut war.

Am nächsten Tag befand sich Könscho Phüntsog zum Verhör in einem Polizeipräsidium. Er sah sich hohen Parteifunktionären ebenso wie finster dreinblickenden Sicherheitsbeamten gegenüber. Die meisten trugen Sonnenbrillen, so dass es unmöglich war, ihnen in die Augen zu schauen. Die Staatsführung nahm die Angelegenheit sehr ernst. "Genosse Könscho Phüntsog", begann jemand, von dem der Angesprochene nicht vermutete, dass es sich um den Ranghöchsten handelte. "Du hast gegen die grundlegenden Auflagen verstoßen, die von der Partei für die Erziehung deines Sohnes veranlasst worden sind. Nur schonungslose Selbstkritik kann dich vor deiner gerechten Strafe bewahren. Bedauerst du dein Vorgehen?"

Könscho Phüntsog musste sich rasch eine Verteidigungsstrategie überlegen. Natürlich bedauerte er nichts, doch es schien ihm nicht ratsam, den Funktionären offen zu widersprechen. Ebenso wenig wollte er sein Handeln vollkommen verwerfen. Also begann er langsam und bedächtig: "Mein Junge ist ein tibetischer Junge, und unsere Verfassung erlaubt den nationalen Minderheiten, ihre Sprache zu gebrauchen und ihre kulturellen Eigenarten zu pflegen. Da hielt ich es für angemessen…" Weiter kam er nicht. "Genosse, wenn du etwas mehr Respekt vor der Partei und ihren Vertretern hättest", unterbrach ihn den Wortführer des Verhörs barsch, "würdest du uns nicht über unsere Verfassung belehren. Wir kennen die Verfassung selbst sehr gut und auch die Rechte, die darin den nationalen Minderheiten gewährt werden.

Die Partei hat aber auch das Recht, Ausnahmen zu verfügen, wenn übergeordnete Interessen und die Sicherheit des Staates im Spiel sind. Das ist im Falle von Gedün Choekyi Nyima der Fall. Er genießt eine patriotische Erziehung, die ihm alles vermittelt, was wichtig für ihn ist. Mehr bedarf es nicht, zumal die Dalai-Clique und andere der Regierung feindlich gesonnene Kräfte ihn für ihre separatistische Propaganda missbrauchen wollen."

So ganz verstand Könscho Phüntsog den letzten Satz nicht. Sichtlich eingeschüchtert hakte er in unterwürfigem Ton vorsichtig nach. Diese harten Funktionäre ließen sich auf nichts ein, aber er wollte es ihnen nicht so leicht machen: "Ich bitte um Verzeihung, aber ich habe nicht ahnen können, welche Rolle meinem Jungen zukommt. Deshalb habe ich einen Fehler gemacht, den ich bedauere. Erlauben Sie mir jedoch bitte noch eine Frage, Genosse". Der Angesprochene nickte mürrisch, die Selbstkritik hatte ihn etwas milder gestimmt. "Warum hat die Partei entschieden, meinen Jungen von jeder tibetischen Ausbildung fernzuhalten? Wir verurteilen natürlich jeden Versuch, das Mutterland zu spalten und wollen nur unsere kulturellen Eigenarten bewahren."

Auch diese Frage stieß auf Ablehnung. "Was die Partei sagt, gilt, auch wenn du es nicht verstehst. Die Partei hat es nicht nötig, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, und deine Frage zeigt einmal mehr, wie wenig Respekt du trotz deiner Selbstkritik vor der Partei hast."

Da die Ankläger davon ausgingen, dass Könscho Phüntsog seinen Sohne nur in der tibetischen Sprache und Grammatik, nicht aber in der buddhistischen Lehre unterrichtete, ließen sie es bei einer scharfen Verwarnung, eine vergleichsweise harmlose Strafe für ein Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates. Hätten sie geahnt, das Gedün Choekyi Nyima auch im Buddhismus unterwiesen wurde, wäre das Urteil ungleich härter ausgefallen. Dennoch machten die Funktionäre dem Vater des Panchen Lama unmissverständlich deutlich, dass weiterer Privatunterricht für seinen Sohn schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Als Könscho Phüntsog nach einer Woche in das Lager zurückgebracht wurde, erkannte er seine Frau kaum wieder. Ihre Augen waren angeschwollen, als ob sie die gesamte Zeit geweint hätte. Ihr Haar, auf dessen Pflege sie immer großen Wert gelegt hatte, hing in wirren, fettigen Strähnen um ihren Kopf. Sie musste Unbeschreibliches durchgemacht haben, und niemand hatte sie über das Schicksal ihres Mannes informiert. Auch Gedün Choekyi Nyima wirkte verstört und verstand nicht, was in seiner Umgebung geschah.

Dechen Chödön sank halb ohnmächtig in seine Arme ihres Mannes, und in den folgenden Tagen erfuhr er Näheres über ihren Zustand.

Die Mutter des Panchen Lama hatte sich schwere Vorwürfe gemacht, dass die Soldaten unbemerkt in ihr Zimmer getreten waren. Dass es gar nicht ihre Verantwortung war, weil sie nicht über den Hof gekommen waren, tröstete sie nicht. Voller Schuldgefühle war sie zu den Aufsehern gelaufen und hatte sie angefleht, sie selbst statt ihres Mannes in Haft zu nehmen, doch die hatten sie brüsk zurückgewiesen. Alle Fragen nach dem Verbleich ihres Mannes blieben unbeantwortet.

Gegen Morgen war sie weinend in einen unruhigen Schlaf gefallen, doch das war keine Erholung. Alpträume peinigten sie schlimmer als es die Wirklichkeit hätte tun können. Sie sah ihren Mann im Gefängnis wie er brutal gefoltert wurde, wie er blutete und um Gnade bettelte, die es jedoch nicht gab. Er war nackt unter einer Decke angekettet und hing so hoch, dass die Füße nicht den Boden berühren konnten. Gleichzeitig waren Gewichte an Füßen und Brustwarzen angebracht, die an seinen Gliedern zerrten und unerträgliche Schmerzen hervorriefen. Mit Eisenstangen schlugen seine Peiniger Wunden am ganzen Körper, und an den besonders sensiblen Stellen drückten sie genussvoll brennende Zigaretten aus. Wenn sich Könscho Phüntsog vor Schmerzen krümmte, quälten ihn die Gewichte noch mehr. Dann ging einer hin und führte eine Eisenstange in seinen Anus ein…

Bei dem Bild wachte Dechen Chödön schreiend und schweißgebadet auf. Hilflos saß ihr Sohn an ihrem Bett. Zudem nahm sie wahr, wie Wang Lei Min in der Tür stand, offenbar alleine, aber er sagte nichts.

Die Bilder waren so klar, dass sie die Folterszenen für die Wirklichkeit halten musste. Immer wenn sie kurz einschlief, wiederholte sich der Alptraum, deshalb bemühte sie sich nach Kräften, dem Schlafbedürfnis vollkommen zu widerstehen. Es gelang ihr häufig, und ihr körperlicher Zustand verschlechterte sich zusehends.

"Es war nicht die Wirklichkeit, es waren deine Ängste", hörte sie ihren Mann liebevoll flüstern, und ganz langsam wurde ihr deutlich, dass er Recht hatte. Dennoch blieb ein Unbehagen, denn noch nie hatte sie so intensive Träume gehabt.

Könscho Phüntsog ließ sich Zeit, bevor er seiner Frau von dem Verhör und den Warnungen der Funktionäre berichtete. Aber er machte ihr auch deutlich, dass er nicht die Absicht hatte, den Unterricht aufzugeben. Es war seine Pflicht gegenüber dem tibetischen Volk, den Panchen Lama auf sein Amt vorzubereiten, auch wenn die Bedingungen schwierig waren. Und das galt sehr viel mehr als jede Pflicht der Partei gegenüber. Aber er würde noch vorsichtiger vorgehen und zunächst einmal Zeit verstreichen lassen.

Am Nationalfeiertag, als das ganze Land der ruhmreichen Gründung der Volksrepublik gedachte, erhielt die Familie Besuch von zwei Wächtern, unter ihnen Wang Lei Min. Offenbar sollten sie überprüfen, ob die Familie das besondere Ereignis ebenfalls entsprechend ehrte. Einer der Wächter hatte Alkohol mitgebracht, den es nur zur Feier des höchsten Festes im Land gab. Der Mann war dem Alkohol sehr zugetan und Könscho Phüntsog fiel auf, wie offen er von Wang dazu ermutigt wurde. Wang dagegen hielt sich zurück, und der Vater des Panchen Lama konnte sogar beobachten, wie er manches Glas, das sein Kollege ihm eingekippt hatte, heimlich verschüttete. Offenbar verfolgte er eine bestimmte Absicht. Tatsächlich war der Mann nach zwei Stunden so betrunken, dass er in einen tiefen Schlaf fiel. Als sich alle sicher sein konnten, dass er nichts mehr wahrnahm, wirkte Wang wie verwandelt. "Ich weiß, dass Sie viele Fragen haben. Ich werde versuchen, Ihnen alles zu beantworten was ich weiß", begann er unvermittelt….

"Sie wissen, dass niemand, absolut niemand von dem, was ich Ihnen jetzt sage, etwas erfahren darf. Es wäre für uns alle das Ende." Dabei sah er zuerst dem Vater und dann der Mutter fest in die Augen. In dem Moment wurde für beide zur Zuversicht, was sie insgeheim gehofft, aber kaum zu hoffen gewagt hatten: In seinem Herzen gehörte Wang nicht zu denen, die für das verantwortlich waren, was man ihnen antat. "Ja, ja, selbstverständlich", stammelte der ansonsten selbstbewusste Könscho Phüntsog. Und er fügte leise hinzu, "danke, ganz herzlichen Dank".

Also begann Wang mit seiner Geschichte: "Ihr Junge Gendun Choekyi Nyima ist vom Dalai Lama als Panchen Lama anerkannt worden, doch die Parteiführung hat darüber geschäumt vor Wut. Sie wollte nicht akzeptieren, dass der Dalai Lama in einer so wichtigen Angelegenheit das letzte Wort hatte. Deshalb wurde Ihr Sohn entführt, aber im Grunde war es zu spät, denn alle in Tibet, ja die ganze Welt wusste davon. Und alle, außer unserer Führung sehen ihn als wahren Panchen Lama an. Es gibt ein Bild von ihm, das, wie ich erfahren habe, überall in Tibet heimlich verbreitet wird.

Doch je mehr Menschen Ihren Sohn als Dalai Lama anerkannten, desto verstockter wurde die Kommunistische Partei. Also setzte sie etwas dagegen. Ungefähr ein halbes Jahr nachdem Sie hier inhaftiert worden waren, initiierte sie eine Wahl im Jokhang-Tempel, die vom chinesischen Fernsehen übertragen wurde. Ein Geistlicher zog in Anwesenheit hoher Funktionäre einen Namenszettel aus einer goldenen Urne. Darauf stand Gyaltsen Norbu - wie der Vorsitzende unserer Partei in Tibet". Er hielt inne und lächelte gequält. "Nein, der ist es nicht". Es sollte erheiternd wirken, aber niemand im Raum war dazu aufgelegt. In der Stille hörte man das Schnarchen des betrunkenen Wächters, dem vorher noch niemand Beachtung geschenkt hatte, weil alle im Bann der Erzählung standen.

Schließlich fuhr Wang fort: "Die Eltern des Knaben gehören der Partei an. Er lebt auch hier in Peking - etwas komfortabler - und wird im Sinne der Partei ausgebildet. Mit ihm hofft sie, Einfluss auf das religiöse Leben in Tibet nehmen zu können. Das gelingt ihr aber nur, wenn Ihr Sohn, der echte Panchen Lama, verschwunden bleibt. Deshalb wird Ihre Familie hier wie Schwerverbrecher bewacht und deshalb soll er vollkommen von der tibetischen Tradition fern gehalten werden. Selbst wenn sich die Lage mal ändern sollte, würde der Panchen Lama nichts anderes kennen als die chinesische Erziehung. So will es die Partei."

Könscho Phüntsog und Dechen Chödön schluckten immer wieder. Jetzt reimte sich für sie einiges zusammen. Und sie wollten die einmalige Gelegenheit beim Schopfe fassen und noch mehr erfahren.

"Aber was ist mit den Mönchen, die bei uns aufgetaucht sind, Chadrel Rinpoche, der höchst angesehene Abt aus Tashi Lhunpo, der sich niemals gegen die Chinesen geäußert hat? Lag es nicht in seiner Hand, den Panchen Lama zu bestimmen?"

Und so erzählte Wang ihnen ausführlich vom Schicksal des Abtes, wie er sich an die Tradition gehalten und dafür als Staatsfeind kriminalisiert worden ist. Die chinesischen Medien hatten ausführlich darüber berichtet, zur Warnung an alle Separatisten, und Wang verstand es inzwischen, die Wahrheit aus der Propaganda herauszufiltern.

Es gab so viel, das die Eltern des Panchen Lama wissen wollen, doch irgendwann räusperte sich der betrunkene Wächter. Wang verstummte und setzte seine undurchdringliche Miene auf. "Komm, Genosse, du hast wohl etwas über die Stränge geschlagen", wandte er sich ihm zu und sah ihn dabei streng an. Der Wächter senkte verlegen seinen Kopf, der mächtig brummte. Allmählich dämmerte ihm, wo er sich befand, und dass er sich auf eine Weise hatte gehen lassen, die für einen Wachsoldaten der Volksbefreiungsarmee schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. Der Nationalfeiertag rechtfertigte das auf keinen Fall. Unter keinen Umständen durften seine Vorgesetzten Wind davon bekommen. "Genosse", begann er schuldbewusst, "Wäre es möglich", stockte und stotterte er, unfähig, die richtigen Worte zu finden. Konnte er Wang überhaupt vertrauen? Auch unter dem Wachpersonal herrschte Misstrauen und Bespitzelung. Aber wenn sein Kollege den Vorfall meldete, war es um ihn geschehen. Das musste er unbedingt vermeiden, so viel war ihm selbst in seinem elenden Zustand klar.

"Hast du etwas auf dem Herzen?", fragte Wang gespielt arglos. "Du weißt, mein Zustand" versuchte es der Betrunkene erneut, doch es gelang ihm noch immer nicht, sich richtig auszudrücken. "Ach, du sorgst dich, dass jemand von den Vorgesetzten davon erfährt?" Wang gefiel das Spiel, und es könnte ihm sogar handfeste Vorteile bescheren, man wusste ja nie was kommt. "Ja", bestätigte der Mann beschämt und doch irgendwie erleichtert, dass nun im Raum stand, worum es ihm ging. "Wäre es möglich, dass unsere Vorgesetzten nichts von diesem Abend erfahren?" ‚Das will ich doch hoffen', dachte Wang bei sich und hatte Mühe ein Grinsen zu unterdrücken. "Verlass dich auf mich", antwortete er mit seinem bekannten stoischen Gesichtsausdruck, und in einem strengen Ton fügte er hinzu: "Vielleicht kannst du mir ja auch mal einen Gefallen tun." "Bestimmt, Genosse, bestimmt, was immer du willst. Und danke, herzlichen Dank." Die Erleichterung des Mannes war überdeutlich, und es schien ihn nicht einmal zu stören, dass die gefangene Familie die Szene mitbekam. Mal schauen, dachte Wang, hakte seinen dankbaren Kollegen unter und verließ die Familie so grußlos und streng wie immer, wenn er seinen Dienst beendet hatte.

Eintönige Wochen und Monate zogen ins Land, in denen der staatliche Chinesischunterricht die einzige Abwechselung für den Panchen Lama war. Sein Vater wollte Zeit ins Land gehen lassen, bevor er seine buddhistischen Unterweisungen wieder aufnahm. Dass er es machen würde, daran gab es keinen Zweifel, auch wenn er noch nicht genau wusste, wie es geschehen sollte. Die Bewachung war erheblich strenger geworden und neue Gesichter waren unter den Soldaten aufgetaucht. Zwei von ihnen blieben jeden Abend so lange in der kargen Wohnung, bis der Junge eingeschlafen war; oder es zumindest den Anschein hatte.

Der jedoch wurde immer ungeduldiger. "Vater", drängte er schließlich, "ich möchte endlich wieder richtig unterrichtet werden, von dir."

An dem Abend war Wang für die letzte Wache eingeteilt. Könscho Phüntsog hätte gern dessen Meinung dazu gehört, doch das ging nur, wenn der zweite Soldat die Wohnung verließ - zumindest für einige Zeit. Wang fing den Blick des Vaters auf und verstand sofort. Er wartete ein paar Minuten, dann bemerkte er wie nebenbei zu seinem Kollegen, der in der Rangordnung unter ihm stand: "Genosse, könntest du mir bitte unser Protokollbuch für den Tagesbericht reichen, ich möchte die Zeit nutzen und meinen Pflichten nachkommen." "Aber das Buch liegt drüben im Wachhaus", entgegnete der junge Soldat. "Wirklich?", spielte Wang den Ahnungslosen. "Ich meinte gesehen zu haben, wie Du es mitgebracht hast. Es würde unseren Dienst verkürzen, wenn wir unserer Pflicht jetzt schon nachkommen, denn hier geschieht nichts Besonderes mehr." "Soll ich es holen?", beeilte sich der Junge diensteifrig. "Wenn du das für mich tun würdest? Und keine Eile, ich habe die Sache hier im Griff. Wir müssen noch lange genug ausharren." Der Soldat machte sich auf und Wang postierte sich schräg hinter dem vergitterten Fenster, so dass er den schwach erleuchteten Hof überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er wusste, dass niemand über den Hinterhof kommen würde.

"Ich ahne euer Anliegen", begann er, sobald sein Kollege außer Hörweite war. Ihr wollt den Unterricht fortsetzen." "Ja, das ist unser tiefer Wunsch", entgegnete Könscho Phüntsog, der etwas besorgt war, wie gut sie durchschaut worden waren.

"Ihr habt mitbekommen, wie die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden, Papier ist euch nicht mehr gestattet, und es wurde sogar erwogen, euch rund um die Uhr in euren Räumlichkeiten zu überwachen. Da ihr euch seit der Verhaftung jedoch vorbildlich verhalten habt, geht die Partei davon aus, dass ihr eure Fehler eingesehen habt und geläutert seid. Das verschafft euch einen kleinen Freiraum, aber die Partei ist aufmerksam. Selbst wir werden überwacht." Das klang nicht sehr beruhigend, aber nach einer kurzen Pause fügte Wang mit einem bitter-süßen Lächeln hinzu, "Keine Angst, ich bin lange genug im System und kenne es. Leider habe ich zu spät von der Kontrolle durch den Hinterhof erfahren. Die Maßnahme war von sehr weit oben veranlasst worden, weil die eifrigen Lehrer", seine Verachtung war nicht zu überhören, "Verdacht geschöpft hatten, dass etwas mit dem Jungen nicht stimmte. Ich kann euch verraten, die zwei sind schlimmer und misstrauischer als alle Wachhabenden zusammen, und gegen die sind wir machtlos. Sie unterstehen direkt dem Ministerium der Einheitsfront."

"Ich werde das Wagnis dennoch wieder auf mich nehmen", erklärte Könscho Phüntsog trotzig. "Und ich werde euch unterstützen", entgegnete Wang ebenso entschieden. "Ich hasse dieses System, und ich werde euch eine Tafel zuspielen, deren Schrift automatisch gelöscht wird. Ihr müsst sie sehr gut verstecken, aber das Risiko ist geringer, als immer wieder neues Papier in eure Wohnung zu schmuggeln. Solltet ihr dennoch jemals damit erwischt werden, dürft ihr die Quelle natürlich nicht nennen. Sagt einfach, sie sei aus der Schule." Wang lachte laut, doch dem Vater des Panchen Lama war nicht nach Witzen. "Das ist nicht das größte Problem", nahm der Soldat den Faden wieder auf. "Das Problem sind die Lehrer. Wenn ihr nachts, nach unserem Abzug, mit dem Unterricht beginnt, merken die Lehrer mit der Zeit wieder, wie müde der Junge ist. Das lässt sich nicht vermeiden. Und selbst wenn sie euch nicht erwischen, werden sie Verdacht schöpfen, und ich fürchte, dann gibt es doch noch die Bewachung von 24 Stunden. Oder noch schlimmer, der Junge wird euch entzogen." Wang wirkte etwas hilflos.

"Wie wäre es", ergriff Dechen Chödön das Wort, "wenn wir seinen Schlafrhythmus verändern? Wenn er abends immer früher ins Bett geht, könnte er morgens immer früher aufstehen, und der Unterricht könnte vor der Schule stattfinden."

Diese Idee fand Zustimmung bei den beiden Männern. Mit der Aussicht auf religiöse Unterweisungen musste der Panchen Lama nicht lange überredet werden, früh ins Bett zu gehen. Um jeden Verdacht zu vermeiden, erteilte Wang sogar den Befehl, die Tür zum Schlafzimmer auszuhängen. Seinen Vorgesetzten meldete er, wenn der Junge so früh ins Bett verschwinde, müsse die Soldaten sehen können, was im Schlafzimmer geschehe. Für so viel Umsicht und Wachsamkeit erntete er viel Lob. Wangs Kalkül war einfach: Alle Wachhabenden sollten mitbekommen, dass Gedün Choekyi Nyima einfach nur früh ins Bett ging und bald einschlief. Dass er morgens immer eher geweckt wurde, bekam niemand mit. Bald erwies sich wie gut die Idee war.

Nach einigen Wochen war es Gedün Choekyi Nyima gewohnt, morgens um vier Uhr aufzustehen und drei Stunden intensiv die tibetische Sprache zu lernen sowie Unterweisungen im Buddhismus zu erhalten, die einen immer größeren Raum einnahmen. Wie zuvor hielt Dechen Chödön Wache und achtete, so gut es ging, direkt auf die Tür und nicht nur auf den Hof. Dennoch wäre es schwer gewesen, jemanden, der vom Hinterhof kam, rechtzeitig zu erkennen, so dass die Spannung während der verbotenen Unterrichtsstunden groß war.

Aber der junge Panchen Lama nahm begierig auf, was sein Vater ihm beibrachte und erschien dennoch konzentriert bei seinen staatlichen Lehrern, deren Aufgabe es immer mehr war, ihn nicht nur mit der offiziellen Sichtweise der tibetischen und chinesischen Geschichte vertraut zu machen, sondern auch seine Entwicklung zu überwachen. Dadurch sollte jede Veränderung, jedes auffällige Verhalten, sofort registriert und den Behörden gemeldet werden.

Fast ein Jahr war seit der Haft von Könscho Phüntsog vergangen, da entschieden sich die Lehrer des Panchen Lama, ihn umfassend zu testen. Sie informierten ihn nicht darüber, sondern begannen eines Morgens unvermittelt. Der Junge hatte sich ein paar Sätze über das alte Feudalsystem gemerkt, doch viel war nicht hängen geblieben. Er war davon ausgegangen, dass eine Prüfung angekündigt würde, und dann hätte er immer noch Zeit gehabt, mit seinen Eltern die Phrasen zu wiederholen, die von den Lehrern verlangt wurden. Nun aber war es zu spät, und das Ergebnis war bescheiden. Gedün Choekyi Nyima wusste kaum etwas über die Gründung der glorreichen Kommunistischen Partei und der Volksbefreiungsarmee. Er schien sich für den Langen Marsch des verehrten Vorsitzenden Mao nicht zu interessieren und auch nicht für die Reformpolitik des geliebten Genossen Deng.

Seine Lehrer waren alarmiert. Sie ermahnten ihn, ihrem Unterricht aufmerksamer zu folgen, und sie vermuteten, dass jemand ihren Bemühungen entgegen wirkte. Zugang zu dem Jungen hatte nur die Wachtmannschaft und seine Eltern. Von den Soldaten kam niemand in Frage, das waren eigens ausgesuchte und verlässliche Parteigenossen, also konnten es nur die Eltern sein. Sie mussten besser überwacht werden. Die jedoch gingen mit großer Vorsicht zur Sache. Das Schlafzimmer hatte keine Außenfenster, und damit vor dem Morgengrauen keine Lichtquelle durch die offene Tür nach außen drang, benutzten Vater und Sohn nur eine Taschenlampe. Sie hielten sich in der entlegensten Ecke des Zimmers auf, so dass der Schein der Lampe vom Hof aus nicht zu sehen war. Dechen Chödön hatte es mehrfach überprüft.

Nach dem Bericht der Lehrer, der noch etwas verschönt worden war, erließ die Partei den Befehl, die Verschleppten unauffällig rund um die Uhr zu überwachen. Niemand konnte jedoch etwas Auffälliges melden, und auch dass Dechen Chödön ab vier Uhr Position am Fenster bezog, war von der gegenüberliegenden Seite des Hofes, wo ein Wachtposten ebenfalls hinter einem Fenster Position beziehen musste, nicht zu erkennen. Sie bewegte sich auch in der Dunkelheit sicher. Es dauerte zwei Wochen, bis Wang die Gelegenheit bekam, die Familie über den neuen Befehl zu unterrichten.

In der Folgezeit legte der Junge seinen Lehrern gegenüber einen größeren Eifer an den Tag. Dennoch blieb deren Misstrauen ungebrochen. Wochen und Monate vergingen, in denen sich am Alltag des Panchen Lama nichts änderte. Die einzige Unterbrechung war Wang. Wenn er die Möglichkeit hatte, allein mit der Familie zu sprechen, erfuhren sie Neuigkeiten von der Welt außerhalb ihres Verlieses. Dabei blieb auch dem Panchen Lama nicht verborgen, dass Wang anders war als die anderen und auf ihrer Seite stand. Der Junge konnte sich das nicht erklären..