L ES E P R O B E

Eines Tages führte Thinley einmal wieder als Führer eine Gruppe englischer Touristen durch die für die Besichtigung freigegebenen Räumlichkeiten des Pothala Palastes. Es war gegen 12:30 Uhr, die Führung war gerade beendet als er Lhakpa Norbu laut schimpfend aus dem Palast kommen sah. Er konnte nicht viel verstehen, aber es schien so, als hätte er den Vormittag über einigen Grund zum Ärgern gehabt. Er hörte nur "Das wird nie was - Was soll ich nur machen?"

Durch seine Touristenführertätigkeit hatte Thinley zusammen mit seinen Gruppen Zugang zum Pothala Palast. Die zum Schutz des Gebäudes einmal auf 1000 Besucher pro Tag festgelegte Maximalzahl wurde schon seit langen nicht mehr eingehalten. Seit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke nach Lhasa strömten täglich tausende von überwiegend chinesischen Touristen in die alte tibetische Hauptstadt. Fast alle wollten den ehemaligen Winterplast des Dalai Lama besichtigen. Dazu kamen die westlichen Touristen, bei denen ebenfalls das markanteste Gebäude Tibets stets auf dem Programm stand.

Die Registrierung der Besucher wurde zur Beschleunigung der Menschenströme schon seit langem aufgegeben. Dafür wurde das Sicherheitspersonal in den zugänglichen Bereichen des gewaltigen Gebäudekomplexes aufgestockt. Keiner der Security Männer war Tibeter. Obwohl Thinley seit mehreren Monaten fast jede Woche durch den Palast führte, gelang es ihm nicht, auch nur zu einem einzigen Wachmann einen näheren Kontakt aufzubauen. Trotz seines fließenden Chinesisch sprach keiner auch nur ein privates Wort mit ihm. Jeder ließ ihn spüren, dass er in ihren Augen ein minderwertiger Tibeter war.
So gab es keine Chance, mithilfe des Wachpersonals Zugang zu den nicht öffentlichen Bereichen des Pothalas zu erhalten. Fast bei jedem Rundgang prüfte er die großen, mächtigen Türen, die ihn hätten weiterführen können. Sie waren aber stets verschlossen.

Als er seine Pläne, nach dem Kind im Pothala zu suchen, schon fast aufgegeben hatte, ergab sich plötzlich doch eine Chance. Er hatte eine der letzten Führungen des Tages am späten Nachmittag zugeteilt bekommen. In der großen Halle mit den acht Stupas mit den Überresten früherer Dalai Lamas waren seit mehreren Wochen Bauarbeiten im Gange. Bisher wurden nur alte Fußböden aufgerissen. Um was es genau ging, war nicht zu erfahren. Unter den Tibetern ging das Gerücht um, dass hier ein neunter Stupa für den verstorbenen 14. Dalai Lama entstehen sollte. Verifizieren ließ sich das aber nicht.
Die Bauarbeiten brachten eine gewisse Unruhe in die heilige Halle. Das Wachpersonal war deshalb verstärkt worden. Thinley bemerkte, dass die Bauarbeiter ihren Arbeitsplatz von Zeit zu Zeit durch eine sonst stets verschlossene Tür verließen. Sie benötigten dafür keinen Schlüssel.

Diese Chance wollte sich Thinley nicht entgehen lassen, so reifte ein gefährlicher Plan. Er führte die Besichtigungstour fort und begleitete seine Gruppe bis zum Ausgang. Andere Gruppen kamen hinzu. Es drängten sich so fast einhundert Leute am Tor. Thinley nutzte diese Situation aus und versteckte sich in einer kleinen Nische im Gang, die vom Wachmann im Ausgangsbereich nicht einsehbar war. Da sein Betreten des Palastes nicht registriert worden war, würde sein Fehlen am Ende des Tages nicht bemerkt werden.

Lange musste er nicht warten, dann wurde das große Ausgangstor von außen verschlossen. Dunkelheit umgab ihn. Aber seine Taschenlampe, die er sonst für seine Führungen benutzte, löste dieses neue Problem sofort.

Thinley hatte bei seinen bisherigen Führungen stets nach Alarmanlagen Ausschau gehalten, aber bis auf zwei im Eingangs- und Ausgangsbereich keine gefunden.

Nach kurzer Zeit erreichte er wieder die große Stupa Halle, der Weg dahin war ihm sehr vertraut. Seine Spannung wuchs, als er sich der Tür näherte, die kurz vorher noch offen stand, als sie von den Bauarbeitern benutzt wurde. Es war nicht zu erkennen, ob sie jetzt verschlossen war. Vorsichtig drückte er sich dagegen, der Zugang gab nach. Sein Herz schlug höher. Zunächst öffnete er nur einen kleinen Spalt und leuchtete die schmale Öffnung mit seiner Taschenlampe aus. Eine Alarmvorrichtung war nicht zu erkennen. Um zu vermeiden, dass er durch ein einseitiges Schnappschloss in eine Falle lief, inspizierte er das Schloss genauestens. Es war keine einseitige Schließvorrichtung zu erkennen. Es war einfach vergessen worden, die Tür bei Arbeitsende abzuschließen.

Der Weg in das Inneres das Pothala Labyrinths war zwar frei, aber eine schwierige Aufgabe stand ihm dennoch bevor. Der Palast sollte rund eintausend Räume beherbergen. Ganz abgesehen davon, dass er jederzeit wieder vor einer verschlossenen Pforte stehen könnte, würde es ihm nicht gelingen, alle davon zu inspizieren. Ihm standen maximal acht Stunden zur Verfügung, bevor die nächtliche Ruhe beendet sein würde. Sollte der Junge hier irgendwo festgehalten werden, wäre es also ein großer Zufall, wenn er ihn tatsächlich finden würde.

Vorsichtig tastete er sich durch die enger werdenden Gänge. Um sich nicht zu verirren, brachte er an jeder Ecke, an der er die Richtung wechselte, unauffällig dicht über dem Boden kleine Kreidemarkierungen an. Alles war stockfinster und totenstill, seine Lampe reichte nicht weit, er konnte gerade die nächsten 2 - 3 Meter erkennen. Eine Weile schlich er durch die Gänge innerhalb der zunächst von ihm erreichten Etage. Einige Türen waren verschlossen. Hier horchte Thinley besonders intensiv auf Geräusche im Innern, wenn möglich leuchtete er auch durch schmale Spalten unter den Türen hinein. Nirgendwo war ein Licht wahrzunehmen.

Pechschwarze Dunkelheit und Totenstille umgab ihn. Nach ungefähr einer Stunde hatte er vermutlich die gesamte Etage erfolglos durchsucht. Auf dem Weg zurück verwischte er die verräterischen Kreidemarkierungen sorgfältig, bis er einen Treppenauf- und abgang erreichte, der aber durch ein Metallgitter verschlossen war.
Was nun? Er überlegte bereits, seine gefährliche Erkundungstour durch den nächtlichen Pothala zu beenden, als er einer Intuition folgend mit den Händen die obere Kante des Gitters abtastete. Ein innerlicher Jubelschrei ging durch seinen Körper. Ein kleines Bund mit drei einfachen Schlüsseln war vermutlich von einem unvorsichtigen, bequemen Wächter dort deponiert worden. Einer der drei öffnete das Gitter. Sicherheitshalber nahm er einen Abdruck in dem dafür vorsorglich mitgeführten Wachsklumpen. Andere Materialien wären besser geeignet, aber auch im Falle einer Entdeckung wesentlich gefährlicher gewesen. Außerdem steckte er vorsorglich alle Schlüssel ein, er würde sie später wieder am Fundort deponieren.
Thinley entschied sich für die nächst höhere Etage. Hier bot sich ihm das gleiche Bild: Dunkelheit, Stille, Türen auf beiden Seite des Ganges. Er wiederholte die Vorgehensweise wie im zuerst durchsuchten Stockwerk.

Mit Schrecken stellte er jedoch fest, dass die Leuchtkraft seiner Lampe langsam nachließ. Er hatte die Batterien zwar erst vor wenigen Tagen ausgewechselt, die neuen waren aber offensichtlich billige oder alte Stromspeicher. Lange würde er seine Suche nicht mehr fortsetzen können. Zwar würde der Rückweg schneller zu bewältigen sein als der Hinweg, aber dennoch malte er sich mit Schrecken aus, wie er in völliger Dunkelheit seinen Weg zurück finden musste. Das wäre fast unmöglich, vor allem, weil er bisher keine Fenster entdeckt hatte, die ihm bei beginnendem Tageslicht den Rückweg ermöglicht hätten. Offensichtlich hatte er sich bisher nur in inneren Bereichen des Palastes ohne Zugang zum Tageslicht bewegt.

Er betätigte die Lichtfunktion seiner Digitaluhr: Knapp zwei Stunden war er jetzt unterwegs, er gab den Batterien seiner Taschenlampe noch knapp 30 Minuten, er musste einfach sicherheitshalber umkehren wenn er seinen Rückweg nicht in völliger Dunkelheit aus dem riesigen Gebäude suchen wollte.

Er drehte sich um, um den Rückweg anzutreten, hielt aber noch einmal kurz inne, um in die Dunkelheit hineinzuhorchen. War da nicht eben ein Geräusch? Wieder umgab ihn völlige Stille. Er musste sich getäuscht haben und schlich zurück.

Da! Wieder! Kein Zweifel, aus der Dunkelheit kam ein leises Wimmern. Thinley schaltete sein Lampe aus, drehte sich wieder um und ging langsam in die Richtung des Geräuschs. Wieder wurde es still. Spielte ihm die Dunkelheit einen Streich?

Regungslos wartete er und presste dann sein Ohr an die Wand des Ganges. Erneut drang ein leises Wimmern an sein Ohr. Langsam und vorsichtig ging er den Gang wieder zurück. Entfernt konnte er beim Weitergehen einen schwachen Lichtschein erkennen, der unter einer der Türen an der linken Seite kaum merklich zu erkennen war.
Kurz darauf stand er vor der Tür, schaltete seine Lampe wieder ein und drückte die Türklinke hinunter. Abgeschlossen! Aber er hatte noch sein gefundenes Schlüsselbund, vielleicht würde ein Schlüssel passen.
Mit dem ersten hatte er keinen Erfolg. Unmittelbar nachdem er die Klinke heruntergedrückt hatte, verstummte das Wimmern. Mit großer Spannung probierte er es ein zweites Mal mit einem weiteren. Treffer ! Das Schloss öffnete sich und er trat in den Raum.

Eine winzige Kammer lag vor ihm, nur schwach beleuchtet durch eine Kerze. Ein alter Tisch mit zwei klapprigen Stühlen, ein Bett, ein kleines Regal mit ein paar Büchern und ein Eimer in einer Ecke waren das einzige Mobiliar. Auf dem Tisch stand eine leere Plastikflasche mit Wasser. Niemand schien sich aber im Raum aufzuhalten.

Zweifelnd setzte sich Thinley auf das Bett, es war noch warm. Ein kurzer Blick darunter gab ihm Gewissheit. Ein kleiner Junge mit einer dunkelroten Mönchskutte lag dort in der hintersten Ecke zitternd auf dem Boden, er presste seine Hände aufs Gesicht.

"Komm da raus, bitte - ich tue dir nichts, ich will dir helfen."
"Nein - nicht wieder schlagen, bitte. Ich will auch lernen" weinte der Kleine leise."

"Ich schlag dich nicht, keine Angst, kaum heraus, damit wir uns unterhalten können. Ich bin ein Freund."

Misstrauisch nahm der Junge eine Hand von einem Auge und riskierte einen Blick.

"Wer bist du? Ich kenne dich nicht. Schickt dich Urgen?"
"Nein, Urgen weiß nichts von mir, und du darfst ihm auch nicht verraten, dass ich dich besucht habe. Sonst kann ich dir nicht helfen. Mein Name ist Dorjee." Thinley konnte es nicht wagen, dem Jungen seinen tatsächlichen Namen zu offenbaren.

Immer noch voller Misstrauen krabbelte der kleine Mönch langsam unter dem Bett hervor und stellte sich vor Thinley. "Danke dass du mir vertraust, ich will dir wirklich helfen."

Der Junge begann aber wieder herzzerreißend zu weinen.
"Was ist denn los mit dir, weshalb weinst du? Wie heißt du denn?"
"Ich bin Tashi. Ich will zu Mama und Papa - Urgen, Lhakpa, Thubten und Palden sind immer böse mit mir. Ich muss den ganzen Tag lernen und kann mir nur wenig davon merken. Wenn sie mich einen Tag später fragen und ich wieder alles vergessen habe, werde ich geschlagen.

Alle sagen immer, dass ich mit dem schlechten Karma meines vorherigen Lebens behaftet bin. Mein Vorgänger sei ein Sepatist gewesen, der viele Sünden gegen das Mutterland begangen hätte. Bevor ich Mama und Papa verlor, sagten sie mir, ich sei eine hohe Wiedergeburt und sie seien stolz auf mich. Ich weiß nicht, was sie meinten. Was ist ein Sepatist? Was ist Kama? Was ist eine Wiedergeburt? Wer ist Bua?, von dem die Lehrer immer sprechen. Weshalb muss ich hier sein, weg von Ma und Pa? Wenn ich frage, bekomme ich immer nur die Antwort, ich sei ein wichtiges Kind, das eine ganz besondere Erziehung bekommen muss. Wieso bin ich wichtig? Ich will nicht wichtig sein, ich will das Alles nicht."

Thinley war geschockt, was wird hier diesem kleinen Jungen angetan? Wie können die mit der Erziehung beauftragte Tibeter so etwas tun. Meinen sie, so den neuen Dalai Lama ausbilden zu können? Aber weshalb hat der Junge solche Lernprobleme? Er sollte doch durch seine Persönlichkeit empfänglich für die Lehren Buddhas sein und begierig das Wissen seiner Lehrer aufsaugen, auch wenn dies nur Lakaien der chinesischen Besatzer sind. Er scheint sich aber offensichtlich nicht einmal den Namen des Begründers unserer Lehre merken zu können.
"Bist du immer in diesem Raum ohne Fenster"?

"Nein - zum Unterricht darf ich nach oben, von dort kann ich die Sonne sehen. Wenn ich dann aber wieder nicht richtig gelernt habe, muss ich wieder nach unten. Wenn meine Lehrer zufrieden waren, darf ich auch oben übernachten."

Was sollte er tun, um diesem armen Wesen zu helfen? Thinley war ratlos. "Ich muss jetzt leider wieder gehen, Tashi. Ich verspreche Dir, alles zu tun, um dir zu helfen. Du darfst aber auf gar keinen Fall jemandem von meinem Besuch erzählen, bitte versprich mir das. Sonst kann ich wirklich nichts mehr für dich tun und kann niemals wiederkommen."

Das Kind beruhigte sich etwas.

"Ich verspreche, nichts zu sagen. Aber bitte hilf mir und bringe mich wieder zu Ma und Pa."

"Ich werde alles versuchen, aber es ist nicht einfach und ich kann es dir deshalb leider nicht versprechen. Versuche jetzt zu schlafen."
Der Kleine nickte. Thinley nahm ihn zum Abschied in seine Arme.