Buchbesprechung

Wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen

Ist es erlaubt, die Zukunft des Dalai Lama zum Gegenstand eines Romans zu machen? Zumal das sein Ableben beinhaltet? Für viele Tibeter sicher eine gewisse Provokation. Die Geschichte aber, die Holm Triesch erzählt, ist so spannend und authentisch, dass eine solche Provokation gern in Kauf genommen wird.
Holm Triesch setzt mit seinem neuen Roman die Tradition von "Genduen" fort, worin die (leider fiktive) Flucht des Panchen Lama aus Tibet so glaubwürdig erzählt wird, als handele es sich um ein historisches Ereignis.

Der wichtigste Protagonist, der in den USA aufgewachsene Thinley Lhotse - Sohn eines tibetischen Guerillakämpfers - tritt wieder auf, denn es geht darum, chinesischen Intrigen bei der Auffindung des 15. Dalai Lama zu begegnen. Dabei hatte sich Thinley eigentlich aus den geheimdienstlichen Aktivitäten zurückgezogen. Sein wichtigster Gegenspieler ist ebenfalls ein Bekannter aus Genduen, der chinesische Geheimdienstoffizier Han Xia Deng, der nach der erfolgreichen Flucht des Panchen Lama in Ungnade gefallen war.

Ohne zu viel von der spannenden Geschichte vorwegzunehmen, kann verraten werden, dass es Holm Triesch einmal mehr gelungen ist, Fiktion und Wirklichkeit zu einer ausgesprochen stimmigen Geschichte zu verweben, so dass die Grenze zwischen beidem beim Lesen unversehens verschwimmt. Das spricht dafür, wie gut durchdacht, logisch und realitätsnah die Geschichte konzipiert ist.
Es geht um die Auffindung der 15. Inkarnation des Dalai Lama, bei der die Volksrepublik China ein wichtiges Wort mitreden will. Da dies offiziell unakzeptabel ist, tritt der Geheindienst in Aktion, der die vermeintliche Inkarnation durch eine geschickte langfristig eingefädelte Aktion nach Tibet bringt, wo er im Sinne der KP erzogen warden soll. Um die Hintergründe dieser für viele Tibeter zweifelhaften Geschichte aufzuklären, macht sich auch Thinley Lhotse auf ins Reich der Mitte. Er weiß genau, an Welch seidenem Faden nicht nur seine Mission, sondern seine Freiheit und sein Leben hängen, falls er enttarnt werden sollte. Und das kann nicht ausbleiben…

Das Buch ist eine ausgesprochen spannende Lektüre, die jeden Krimi-Freund fesseln wird. Und es informiert fast nebenbei auch noch über die Realität der Volksrepublik China: Der Autor webt tragische und tabuisierte Themen wie Organhandel mit Verurteilten, Praktiken des Geheimdienstes, Propaganda und Manipulation der Öffentlichkeit, das Schicksal von Langzeitgefangenen kunstvoll in die Handlung ein. Insofern handelt es sich bei "Kundün XV" auch um eine sehr kurzweilige und höchst empfehlenswerte Momentaufnahme aus dem heutigen China, die angesichts der engen wirtschaftlichen Verflechtungen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden soll.

Klemens Ludwig