Rezension von Franz Binder in 'Brennpunkt Tibet' 1/2013

Der ausgewiesene Tibet-Kenner Klemens Ludwig und sein Co-Autor Holm Triesch haben einen Roman vorgelegt, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und den Leser nicht loslässt. Doch trotz glücklichem Ende lässt der Roman den Leser traurig zurück, denn wie schön wäre es doch, wenn sieh das glückliche Romanende auch im wirklichen Leben spiegelte, wenn der Roman nicht nur spannende Fiktion, sondern die Nacherzählung einer wirklichen gelungenen Flucht des von den Chinesen entführten Panchen Lama wäre. Tatsache jedoch ist, dass der einstmals jüngste politische Gefangene der Welt, der im Mai 1995 von chinesischen Sicherheitskräften entführte, damals sechsjährige Tibeter Gendün Choekyi Nyima auch heute noch, 17 Jahre nach seinem Verschwinden, als vermisst gilt.

Auch nach massiven Appellen von Regierungsvertretern und internationalen Menschen-rechtsorganisationen weiß niemand, wo sich der Entführte befindet, wie es ihm geht und ob er über-haupt noch am Leben ist. Nur der Grund seiner Entführung ist bekannt. Der Knabe wurde vom Dalai Lama als Wiedergeburt des 10. Panchen Lama an-erkannt, noch bevor die chinesischen Behörden dies von sich aus taten. Ein solcher Gesichtsverlust war für die Kommunistische Partei Chinas untragbar, der Knabe wurde aus dem Weg geräumt und ein von der Partei ausgewählter Junge als neuer Panchen Lama eingesetzt, ein Sohn tibetischer Parteimitglieder übrigens, der zum Instrument für die weitere Machtentfaltung Chinas in Tibet erzogen werden sollte. Doch in Tibet wurde dieser "falsche" Panchen Lama nie akzeptiert, weder von der Bevölkerung, noch von den Mönchen. Von dieser Basis aus startet der Roman "Gendün". Er beginnt gar nicht wie ein Roman, sondern dokumentiert auf seinen ersten Seiten die Faktenlage der Entführung und der damit einhergehenden Verwicklungen. Von diesem Tatsachenbericht wechseln die Autoren allmählich in die Fiktion und begeben sich auf die Spur einer Wunsch-Fantasie, die wohl im Herzen eines jeden Tibetfreundes lebt - dass es dem "echten" Panchen Lama nicht nur gut ergehe als Gefangener der Chinesen, sondern dass es ihm gelingen möge, den Weg in die Freiheit zu finden und zumindest im Exil sein Amt als 11. Panchen Lama anzutreten.

Der Roman entwirft die Möglichkeit einer sol-chen Flucht und das gelingt ihm äußerst plausibel. Immer dichter rücken die Autoren an die be-schriebenen Personen heran. Die detailgenaue Schilderung von Landschaften, Menschen und der realen Situation in dem von China unterdrückten Tibet schafft eine dichte Atmosphäre und verleiht dem Buch hohe Authentizität, obwohl es natürlich stets nur eine tibetische Wunsch-Fantasie bleibt. Die rührende Nebenhandlung über den Weg eines jungen Exil-Tibeters aus den USA, der ein schreckliches Geheimnis über seinen Vater, einen ehemaligen tibetischen Widerstandskämpfer, lüftet und dadurch auch seine eigene Identität wiederfindet sowie eindringliche Action- und Liebes-Szenen erfüllen auch die Erwartungen "normaler", nicht "Tibet-vorbelasteter" Romanleser nach spannender Thriller-Lektüre.

Ein Wermutstropfen: Die lieblose Typographie und Seitengestaltung, die der Verlag dem Buch hat angedeihen lassen, mindern den Lesegenuss zu-mindest auf äußerlicher Ebene spürbar. Doch wen der Inhalt gepackt hat, wird sich davon kaum stören lassen.